Projekt : Sollbruchstellensuche

Sollbruchstellensuche

01 - "Der Kevin isst kein Fleisch, aber Bärchenwurst mag der" (Haagen Rether)

Um die Sollbruchstelle eines Menschen zu finden, musst du erst wissen, was für ihn alltäglich und gewöhnlich ist.
Gib einem Kind eine Wurst in die Hand und sag :
"Iss und lass sie dir schmecken."
Dann nimm das Kind an die Hand - möglichst die, in der keine Wurst ist - und sag :
"Komm mit, ich zeig dir was."
Und während das Kind genüsslich seine Wurst - die Wurst die es immer gekannt, geliebt und gegessen hat - isst führst du es auf eine Weide und sag :
"Siehst du das Schwein, das ist deine Wurst."
Dann nimm das Kind und bring es in ein Schlachthaus und sag :
"Schau, da wird die Sau an den Hinterbeinen aufgehängt und wenn es Glück hat, wird es mit einem Stromstoß betäubt - wenn nicht, dann, naja..."

Zeige dem Kind, wie das Schwein - vielleicht schon nicht mehr bei Bewusstsein, aber noch lebend - an der Bauchdecke mit einer Kreissäge aufgeschlitzt wird. Zeige dem Kind, dass seine Wurst inzwischen fertig gegessen haben wird (wenn es nicht zu denen gehört, die ewig brauchen), wie die Innereien des Tieres auf die kalten Fliesen klatschen und das Blut in die Rinne sickert.
Das Herz schlägt noch.
Zeige dem Kind, wie das Schwein mit einem Beil in zwei Hälften geschlagen wird. Wie die Klinge sich in die Hinterbacken und durch die Wirbelsäule haut.
Zeige dem Kind auch wie das Schwein Stück für Stück seine natürliche Form verliert und immer kleiner wird.
Führe das Kind an den Fleischwolf heran (ohne das es hinein fällt!) und zeige ihm was unten heraus kommt.

Dann stell dem Kind die Frau oder den Mann vor, der die Sau zurück in ihren eigenen Darm stopft. Vermeide vor dem Kind Worte wie "Ironie", es versteht es sowieso nicht.
Gib dem Kind die fertige Wurst in die Hand und sag :
"Iss und lass sie dir schmecken."
Und wenn das Kind dann noch die Wurst nimmt, dann hat man die Sollbruchstelle nicht gefunden. 

02 - Eine Katze erschlagen 

Wegen einer Katze sind wir verhaftet worden. Wenn ich das so sage klingt es albern - es ist zugegebenermaßen auch albern. Aber das ist der unmittelbare, direkte Umstand.
Wir hatten unsere letzten Poppers aufgebraucht und befanden uns in einem alles davon fließend lassenden Zustand.
Wenn man Poppers einnimmt, vor allem zum ersten Mal, dann spürt man eine tiefer gehende Muskelentspannung. Gleichzeitig steigerte es aber die körperliche und emotionale Erregung, man ist dann voll auf Empfang geschaltet. Man wird zum Radio, dass nur empfängt und nichts sendet.

Mit der Lautstärken Regelung kann man die Empfindungen intensivieren, aber nicht mehr verringern. Patrick hatte einen knallroten Kopf von dem Zeug und hing mit seinem Kopf auf dem Armaturenbrett. Ein Unterarm langer Geiferfaden hing von seiner Lippe bis auf die Fußmatte - einfach nur widerlich.
Ich hing irgendwo zwischen dem Lenkrad, das ich festhielt und dem Sitz, in dem mein Arsch klebte. Dazwischen war nichts, absolut nichts. Jedes entgegenkommende Fahrzeug schwoll an zu einer alles ausleuchtenden Sonne.
Wenn man Poppers nimmt, wird es unglaublich leicht einen Ständer zu bekommen. Ich kannte mal einen, der hat sich dazu noch eine handvoll Viagra gegönnt und ist bei seinem ersten Schuss abgekratzt.

Patrick der auf dem Beifahrersitz mehr hing als saß, sah in den Frauenkleidern irgendwie tuntig aus. Zu dem Rock und der Bluse fehlte nur noch Make-up. Er gehört zu den Menschen, die nicht mal nach einer Geschlechtsumwandlung wie das gewünschte Geschlecht aussahen. Selbst wenn man ihm Monroes Gesicht übergezogen hätte, wäre er immer noch ...

Irgendwas rumpelte.
Ich riss das Steuer herum, stieg in die Eisen und die Karre blieb mit einem Ruck stehen.
"Wasos?" lallte Patrick
"Weiss'ich." erwiderte ich.
Irgendwie schafften wir es uns aus den tödlichen Klauen des Sicherheitsgurtes zu winden und auf die Straße zu fallen.
"Da'iegtas." murmelte Patrick. Der Rock war ihm hochgerutscht was absolut unsexy aussah.
"Was'as?Assunsmahin'ehn." formulierte ich mein Vorhaben klar und deutlich. Ich hielt es für unnötig vorhin zu erwähnen, dass auch die Zunge ein Muskel ist, aber auch die wird durch Poppers entspannt.
Ich hatte einen Kater angefahren. Einer der wahrscheinlich noch seine Eier hatte, sonst würde er wohl kaum so sorglos herum streunen. Er lebte - noch! Nur mit Streunen war es ein für alle Mal aus.
"Hab'ein'schaubenschüsselimofferaum." lallte Patrick und ging an die rückwärtige Verkehrsansicht des Wagens. Seine rückwärtige Verkehrsansicht war durch den nach oben geschobenen Rock beinahe vollkommen entblößt. Er trug keine Unterwäsche und jeder zufällig vorbeikommende Passant hätte sein frontal-abdominal angebrachtes Kleinhirn gesehen.
Dann kam er zurück und hatte in der Hand dieses, riesige harte Ding und einen Schraubenschlüssel, ich glaube einen Fünfzehner.
Geifernd und ächzend lies er sich auf die Knie fallen, sah mich an und meinte : "Ichuss'iesemsetzlichen'Stöhn'neinendemachen."

(....)

Seit ich ein kleines Mädchen war, habe ich nicht mehr so viel Quatsch gemacht.

Gerade als er seinen Triumph zur erfolgreich verlaufenen Sterbehilfe feiern wollte tauchte ein unbekanntes Fahrzeug am Horizont auf. Es war vollkommen beleuchtet und schimmerte in vielen bunten Farben, die in einander überliefen, so etwas hatte ich noch nie gesehen, so etwas faszinierendes und gleichzeitig erschreckendes. Wir erstarrten. Es muss direkt aus den tiefen des Alls gekommen sein und hielt direkt neben uns. Mein "Flush" erlangte seinen Höhepunkt als die Insassen ausstiegen und ich schwöre bei allem was mir heilig ist - da waren grüne Männchen.
Wer an die Kinovorlage glaubt, der irrt sich. Sie sind nicht klein und schrumpelig wie E.T. oder Yoda. Sie sind wie wir. Gross, menschlich, paarrungsfähig und vielleicht sogar paarungswillig.

Als ich aufwachte, fand ich mich in einer kleinen Zelle wieder. Ungastlich, hart und kalt.
Versuchen sie mal der Polizei eine rationale Erklärung abzuliefern, warum sie mitten in der Nacht, berauscht von Poppers einen Kater töten. Versuchen sie mal, so wie es Patrick tun musste, der Polizei eine rationale Erklärung abzuliefern, warum sie mitten in der Nacht, berauscht von Poppers und in Frauenkleidern einen Kater töten.
Zugegeben, dass kann jedem passieren.

Wir sahen uns allerdings mit einer weit aus heikleren Frage konfrontiert auf die wir keine Antwort wussten und die uns schließlich in Untersuchungshaft und für ein paar Jahre hinter Gitter brachte. 

03 Schatz halts Maul

Gregor war nach Hause gekommen.
Duftend warmer Reis, Gemüse und Fisch erwarteten ihn.
"Hallo, Schatz. Die Kleine schläft schon." Magda wartete auch schon auf ihn. Sie trug ein sündhaftes Nachthemd, durch dessen Stoff sich ihre wohlgeformten Brüste verführerisch abzeichneten.
Ein breites Grinsen zog sich quer über sein Gesicht.
"Schläft sie auch gut?" die Antwort interessierte ihn weit weniger, als das was sich unter dem lila seidenen Hemd seiner Frau verbarg.
"Tief und fest." säuselte sie und legte ihre Hände um ihn. Noch nie hatte er solange von der Haustüre an den Tisch gebraucht. Sie küssten sich innig.
Als er vor dem Essen saß, wägte er ab, was ihm wichtiger war. Ein vorzügliches Abendessen, oder eine liebestolle Nacht.

Sie tat ihr bestes ihm von letzterem zu Überzeugen, beugte sich vor und küsste leidenschaftlich seinen Hals. Genießend schloss er seine Augen, legte seine Hand auf ihren Hintern und zog sie an sich heran.
"Ja, Schatz." flüsterte er. Erwartungsvoll richtete sie sich und wartete das auch er aufstehen würde. "Essen wir? Du hast wunderbar gekocht."
Irritiert, als hätte er behauptet die Erde sei eine Scheibe, sah sie ihn an, wusste nicht was sie sagen sollte.
"Du weißt schon", fing sie zögerlich an, legte dabei die Stirn in Falten. "Das ich mit dir schlafen will."
"Ach so." Gregor schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. "Gut, gerne." stand auf, und zog noch im Wohnzimmer Hemd und Hose aus, bis er nur noch in Shorts vor ihr stand.
"Was sollte denn das?" lachte sie.
"Naja, da ist das Essen und da bist du. Keine leichte Entscheidung."
"Freundchen, vorsicht." mahnte sie ihn mit erhobenen Finger und führte ihn ins Schlafzimmer.

Überspringen wir die Beschreibung eines vollkommen perfekten Vorspiel, dass Magda dahinschmelzen und alles um sie herum vergessen lies - das will niemand wissen, wie das geht.
"Heute war jemand auf der Arbeit, der seinen Sohnemann herumführte." Es Gregors Eigenart während dem Akt von seiner Arbeit zu erzählen. Andere Frauen hätten ihn angewidert von sich gestoßen und nicht einmal mehr mit dem Arsch angeschaut. Magda hatte gelernt es zu akzeptieren. Während sein Gemächt sie voll ausfüllte, redete er unablässig.

"Der Mann wollte seinem Sohn zeigen woher die Wurst kommt. Ich hielt das nicht für sonderlich pädagogisch, aber nun gut." Magda stöhnte leise und versuchte sich weiter zu entspannen. "Erst hat er ihm die Betäubungsabteilung gezeigt, du weißt schon, da wo die Schweine mit einem elektrischen Stoß betäubt werden." Magdas Atmung wurde tiefer. "Der Kleine hat während dessen eine Wurst verdrückt ohne das ihm der Appetit vergangen ist. Auch nicht, als ich ihm gezeigt habe, wie man das Schwein am Bauch ausweidet. Der hat sich erst geekelt, als ich die Gedärme und alles rausgeholt habe." Magda fühlte Gregors Penis tief in sich drinnen. "Spätestens als ich dann die Sau in den Fleischwolf geworfen habe, ist ihm der Spass vergangen." rein raus rein raus. "Ganz zum Schluss hab ich dem Kleinen Kerl dann eine Wurst gemacht, die er ewig in der Hand hielt." Der Akt war vollzogen, Magda bäumte sich einmal auf, stöhnte tief und war stolz auf sich, dass sie erneut eine Oscarreife Show abgeliefert hatte, die Gregor vermutlich nicht einmal im Ansatz mitbekommen hatte.

Gregor war nach Hause gekommen.
Duftend warmer Reis, Gemüse und Fisch erwarteten ihn.
Magda stand noch in der Küche und bereitete zwei Teller. Ihre gemeinsame Tochter schlief bereits.
Das Essen verlief ruhig, was Gregor sonderbar vorkam.
"Schatz, ist alles in Ordnung?"
Magda schwieg und hatte den Blick gesengt. Er lies sein Besteck sinken. "Magda, was ist denn?"
"Ich habe", fing sie zögerlich an ohne ihn dabei anzusehen.
Er wartete und sah sie fragend an. Das Essen wurde kalt.
"Ich habe mit Samy geschlafen."

Klirrend fiel Gregors Besteck auf den Boden. Lautlos fiel ihm die Kinnlade herunter. Wie ein Fisch öffnete er den Mund, schloss ihn, öffnete ihn wieder um ihn dann wieder zu schließen.
"Mit", ächzte er, brachte aber den Satz nicht zu Ende. "Samy? Dem Samy?" er schüttelte den Kopf, als hätte sie etwas völlig absurdes gesagt. "Du meinst Samy, der Hund von Fischer?"
Magda nickte schwach.
In der Vergangenheit hatte Magda bereits drei Mal mit dem Hund ihrer Nachbarn Geschlechtsverkehr gehabt. Und wie jedes Mal konnte es Gregor nicht nachvollziehen, schüttelte abermals den Kopf, stand auf und lief desorientiert durch den Raum. Dann schrie er.

"Was ist eigentlich kaputt in deinem Kopf? Was verdammt nochmal?" er tobte, schrie und schlug mit der Faust gegen die Wand. Magda weinte und sah auf den Boden, den sie vor lauter Tränen nicht sehen konnte.
"Ich, ich", stotterte sie, dann schnitt er ihr das Wort ab.
"Schatz, halts Maul."
Es war nicht das erste Mal, und würde bestimmt nicht das letzte Mal sein, aber es war das erste Mal, dass er ihr sagte sie soll das Maul halten, was sie noch mehr weinen lies. Wie jedesmal verließ er die Wohnung und würde erst am folgenden Tag wieder, nach der Arbeit kommen.

04 Kobute

Die Zwei sahen ein wenig so aus, als kämen sie von einer Beerdigung. Der Mann trug ein leichtes, graues Jacket, die Frau eine graue Bluse.
Dazu hatte jeder eine Ledertasche in der Hand. Der Mann trug vor sich ein Heft. Er hielt es so, als wolle er jedem etwas ganz tolles darin zeigen. Hätte keine Sonnen geschienen, hätte man meinen können, die beiden wären aus einer der grauen Wolken herunter gekommen, die immer Regen mit sich bringen.
Die Frau drückte ihren Zeigefinger auf die Klingel und lies ihn erst nach ein paar Sekunden wieder los. Sie hatte nichts an sich. Sie trug keine Ohrringe und auch keine Halskette.

(...)

In der Türe stand ein nackter Mann. Er war nicht ganz nackt, aber er trug nur eine Unterhose. Vielleicht aus Leder, möglicherweise Schweineleder, oder es roch so weil er sich schon länger nicht mehr gewaschen hatte.
"Hallo." begrüßten die Beiden Grauen den Nackten freundlich. "Dürfen wir mit ihnen über eine äußerst wichtige Sache reden?"
Und weil es ihnen so wichtig zu sein schien, dass sie extra dafür an einem Sonntagmorgen zu dem Nackten Mann gekommen waren, lies er sie herein. Denn wäre es nicht wichtig gewesen, hätten sie ausgeschlafen.
"Gerne, kommen sie rein." lud der Nackte sie ein und trat einen Schritt auf die beiden zu. Erst wurde der Mann mit dem Heft zur Begrüßung umarmt, dann die Frau. Obwohl die Frau Kleidung trug, konnte sie ganz gut auf ihrem Busen die Nippel des Nackten spüren. Da verloren sie für einen Moment ihr Lächeln, setzten es aber sofort wieder auf.
"Kommen sie nur herein. Einen Kaffee?"
"Ja, danke." antworteten die beiden Grauen.

Als man sich im Wohnzimmer an den großen Tisch gesetzt hatte, bei einem Kaffee und Gebäck war das gegenseitige Vertrauen so weit, dass beide Seiten miteinander redeten. Überall roch es nach Lavendel und einem weiteren unbestimmten Geruch, Schweiß vielleicht. Das Wohnzimmer war schlicht, aber geschmackvoll eingerichtet.
Mitten im Raum stand eine Holzkiste. Kantenlänge : Ein Meter. Die Ecken waren mit Eisenwinkeln verstärkt und ein schweres Vorhängeschloss verhinderte das man die Klappe öffnen konnte. Die beiden Grauen gingen nicht darauf ein.
"Kennen sie das? Es gibt Zeiten, da ist man mit allem überfordert", fing der graue Mann an. "Rechnungen, Ämter, Nachrichten, Privates, Gesundheitliches und alles auf einmal - da fragt man sich doch, wer ist für mich da? Wer macht für mich etwas?"
"Ja, tatsächlich", stimmte der Nackte nach kurzem Überlegen zu. Er hatte sich einen Kirschblütentee gemacht.

"Es ist doch leider heutzutage oft so", übernahm die Frau, "das man nicht mehr wahrgenommen wird und nur noch in den Hintergrund einer großen Maschine tritt, die zum Selbstläufer geworden ist. Da fragt man sich doch : wer bin ich, was ist mein Sinn."
Wieder stimmte der Nackte nach kurzer Bedenkzeit zu.
Der Graue schob dem Nackten das Heft zu.
"Nun, hier finden sie Antworten auf diese und weitere Fragen."
"Betrifft mich der Welthunger? Was geht mich der Umweltschutz an? Wo stehe ich? Wer stillt meinen Hunger? Wer schützt mich?", sprudelte die Frau hervor als der Nackte das Heft durchblätterte. "All diese Fragen können beantwortet werden, wenn man seinen Geist nur öffnet."

"Ja, tatsächlich." murmelte der Nackte.
"Liebe den Herrn, deinen Kobute, von ganzem Herzen, mit ganzem Willen und mit deinem ganzen Verstand.", zitierte der Graue Mann einen Satz aus dem Heft und sah den Nackten erwartungsvoll an, der bis dahin nicht viel gesagt hatte.
"Wäre es nicht toll, wenn man sich nicht entscheiden muss, wem man Güte zukommen lassen muss, sondern, dass nur diejenigen Güte empfangen, die auch selbst gütig sind?" ergänzte die Frau.
"Alle bisherige Gesellschaft beruht, wie wir aus der Geschichte sehen, auf dem Gegensatz unterdrückender und unterdrückter Kasten." fuhr der graue Mann fort.
Geduldig hörte der Nackte zu und warf einen Blick auf die Uhr, die über der Türe hing.
"Entscheiden sie sich also für Kobute, dann gibt es keine Unterdrückung, dann gibt es Freiheit und Gleichheit, dann gibt es Güte, denn Liebe ist für alle da." die Frau legte bei dem letzten Satz ein Lächeln auf, dass sie zwischen durch verloren hatte.

Da der Nackte die ganze Zeit über kein Wort gesagt hatte, sahen sich die beiden Grauen fragend an. Sie waren schon oft in Wohnungen gewesen und hatten lebhafte Grundsatzdiskussionen geführt. In den meisten Fällen waren es Menschen, die isoliert lebten. Denn wer isoliert lebt, der fängt irgendwann an mit jedem über alles zu reden - Hauptsache reden. Hier bei dem Nackten war dem nicht so. Zwar schien er interessiert, aber nicht geneigt etwas zur Unterhaltung beizutragen.

"Sagen sie, verstehen sie uns?" wagte der Graue Mann die Frage, die außerhalb des auswendig gelernten Lebensberatungsprogramm stand.
"Ja natürlich." erwiderte der Nackte erstaunt. "Ich wollte ihnen nur die Möglichkeit mir erst ihren Standpunkt zu vermitteln ehe ich ihnen meinen vermittle. Aber es ist interessant."
"Gut, dann wird es sie bestimmt interessieren, wie sie zu uns und zu Kobute finden."
"Ja, doch."
"Wir haben jeden Sonntag Sitzung. Sie werden so angenommen wie sie kommen." erklärte die Frau und hoffte inständig das der Nackte sich dennoch etwas anziehen würde, wenn er zur sonntäglichen Sitzungen aller Gemeindemitglieder erscheinen, denn seltsam war es schon. Seltsam und doch irgendwie verlockend.
Eine Eieruhr klingelte.
"Verzeihen sie bitte kurz." Der Nackte stand auf. Aus der Küche holte er eine Schale voll Wasser. Dann zog er aus seiner ledernen Unterhose einen Schlüssel. Interessiert beobachteten die beiden Grauen was vor sich ging.
Der Nackte öffnete das Schloss und hob die wuchtige Klappe.
Penetranter Gestank nach Urin und Schweiß breitete sich aus. Die beiden Grauen öffneten ihre Augen und ihre Münder fielen auf und sie sahen aus wie Fische.

(...)

"Aber, aber..." stotterte die Frau.
"Ich weiß, viele finden das abartig und krank, aber heißt es nicht auch 'Der Kobute liebt mich so wie ich bin'?"
"Ja doch, aber, aber..." stotterte der Graue Mann.
"Ich sehe das so", setzte der Nackte an. "Sie erlauben doch, dass ich nun das Wort übernehme."
Stummes Nicken der beiden Grauen.
"Wenn wir einander begegnen, wissen wir wer wir sind. Jeder Mensch ist gewollt - vom Kobuten jedenfalls. Wir haben uns überlegt", sprach der Nackte für beide Nackten. "Das wir uns doch in ihre Gemeinde eingliedern möchten, denn nur dort werden wir so angenommen, wie wir sind."
Schweigen erfüllte den Raum.

Die beiden Grauen, die schon bei vielen waren, haben auch schon einige dazu bewegt ihrer Gemeinde beizutreten. Noch nie aber war jemand bereit, nach so kurzer Zeit und mit solch einer Überzeugung, aber auch Neigung, beizutreten.
"Sie leben gut so?" die Frage des Grauen Mannes war an den Nackten aus der Kiste gerichtet.
"Er wird ihnen nicht antworten - das ist Teil der Session. Er hat sich mit ganzem Herzen, Verstand und Verlangen in meine Hände gegeben. So wie ich mich mit ganzem Herzen, Verstand und Verlangen in die Hand Kobutes geben werde."
"Verstehe ich das richtig", fing der Graue Mann zögerlich an. "Sie sind für ihn der Kobute?"
"Für den Moment, aber es gibt auch Rollenwechsel, jeder verspürt das Bedürfnis nach Geborgenheit aber auch nach Geborgenheit geben."
Die beiden Grauen wechselten rasche Blicke.
"Wir möchten gerne,..." fing die Frau an, nach dem der Graue einmal nickte.
"Ich verstehe." unterbrach der Nackte.

Es dauerte nicht lange. Vielleicht zehn Minuten, möglicherweise eine viertel Stunde, nicht länger.
Die beiden Nackten trugen nun ebenfalls graue Anzüge. Dabei trug der Nackte aus der Kiste die Bluse und den Rock der Frau.
Die Frau indessen hatte sich ihrer sämtlichen Klamotten entledigt und trug lediglich den Maulkorb sowie den Keuschheitsgürtel. Der ehemals graue Mann trug nun seinerseits nur die lederne Unterhose, in die eine Tasche eingearbeitet worden war, in der mehrere Schlüssel platziert worden waren.

Willig stieg die Frau in die Kiste und übergab sich mit ihrem ganzen Herzen, Verstand und Verlangen in die Hand des Mannes.
Die beiden ehemals Nackten, trugen nun alles was die beiden ehemals Grauen getragen hatten, einschließlich der Taschen und des Heftes.
"Kobute sei mit ihnen." erklärte der ehemals Nackte, nun Graue.
"Ich wünsche ihnen ein frohes Leben." erwiderte der ehemals Graue, nun Nackte. Ehe die beiden gingen drehte sich der ehemals Nackte aus der Kiste, nun Grau Transvestit noch einmal um. Er ging zum Tiefkühler und brachte eine Packung Poppers heraus. "Die würde ich dann doch gerne mitnehmen."

Damit verabschiedete man sich. Und beide Seiten hatten das unbestimmte Gefühl, dass sich nicht wirklich etwas verändert hatte.